„Also ich vor ca einem Jahr von der Idee der virtuellen Betriebserkundung mit VR-Brillen gehört habe, habe ich gedacht: Was für ein Quatsch.“, lacht Pamela Schilli, Schulsozialarbeiterin an der Theodor-Heuss-Realschule in Offenburg. „In meinen Augen sind praktische Erfahrungen ganz elementar für das Lernen und ich halte es für unglaublich wertvoll, mit Schülerinnen und Schülern aktiv aus dem Schulgebäude heraus zu gehen, das gibt ganz andere neue Impulse und Erfahrungen.“

Dann kam Corona und wir durften plötzlich nirgendwo mehr hin mit den Jugendlichen. Betriebsbesichtigungen und Schülerpraktika fielen aus, die Berufsinfo-Messe fand nicht statt… Unsere Lehrkräfte haben natürlich weiterhin Berufsfindung thematisiert, Bewerbungstraining im Unterricht gemacht, fiktive Vorstellungsgespräche mit den Schülern geübt und auch unsere Berufsberaterin von der Arbeitsagentur ist regelmäßig im Haus. Aber die praktischen Anteile um Berufe zu erkunden, waren nicht mehr möglich.

Da brauchte es neue Ideen. Unter www.deinerstertag.de können Schulen bei dem Sozialunternehmen „Studio 2B GmbH“ in Berlin für eine Woche kostenlos VR-Brillen für 360-Grad-Betriebsbesichtigungen ausleihen und damit eine große Vielfalt an Berufen virtuell kennen lernen. Das haben wir an der „Theo“ ausprobiert und Schüler*innen und Lehrkräfte waren total begeistert. Die Nutzung ist ganz einfach: VR-Brille aufsetzen, eine Berufskategorie auswählen und dann einen von 120 Berufen aussuchen und anschauen. In kurzen Filme wird man dann quasi  einen Tag im Berufsleben eines Azubis mitgenommen, läuft durch einen Betrieb und kann sich alles anschauen.Und ich meine wirklich alles: Wenn man sich umdreht, nach oben oder unten schaut: überall gibt es etwas zu sehen. Man bekommt erklärt, was im jeweiligen Beruf die Aufgaben sind und wie so ein Arbeitstag aussieht.

Das Besondere bei diesem Erlebnis ist, dass man richtiggehend in neue Situationen eintauchen kann, plötzlich an einem neuen Ort steht und sich mit dem eigenen Körper durch einen digitalen Lernraum bewegt. Berufe werden so anschaulicher und erfahrbarer, weil viele kognitive Kanäle gleichzeitig angesprochen werden – das erleichtert den Lern- und Merkprozess. Und das Erlebnis fühlt sich richtiggehend real an.  

Ersin (14) aus der 9.Klasse findet die VR-Brillen „supercool“. „Man hat richtig das Gefühl, dass man sich in einen Azubi hineinversetzen kann. Ich hab mir den Ausbildungsberuf zum Chemikant angeschaut, weil ich genau das machen möchte. Der Film hat mich positiv bestärkt, obwohl ich es mir eigentlich ganz anders vorgestellt habe. Ich habe mir noch weitere Berufe angeschaut, zum Beispiel Mechatroniker. Das kam bisher gar nicht für mich in Frage, aber jetzt ist auch hier mein Interesse geweckt. Damit werde ich mich noch mal genauer beschäftigen.“

Auch Dorian (16) ist zufrieden. „Die VR-Brillen machen total Spaß, kann man wirklich weiterempfehlen. Ich hab mir unter anderem angesehen was ein KFZ-Mechantroniker macht. Das kann ich mir als Beruf gut vorstellen und in diesem Bereich werde ich auch noch mein Praktikum machen.“

Arda (15) ist ebenfalls ganz fasziniert von dieser neuen Möglichkeit der Berufserkundung. Sein Berufswunsch Polizist hat sich jetzt bestärkt. Auch wenn er kurz ein mulmiges Gefühl hatte, als die Polizeianwärter am Schießstand waren und er selbst plötzlich mittendrin stand. „Das fühlt sich schon ganz schön real an.“ grinst er.

Saya (14) ist ebenfalls froh, dass sie die Brillen ausprobieren durfte. Der Beruf der Versicherungskauffrau scheint doch eher nichts für sie zu sein, obwohl es im Vorfeld ganz passend klang. Jetzt heißt es: weiter schauen und den passenden Beruf zu finden. Die Erfahrungen heute waren jedenfalls sehr gewinnbringend.

Pamela Schilli ist zufrieden: die VR-Brillen ermöglichen uns einen ganz neuen Weg, um Wissen zu transportieren; der Zugang ist niedrigschwellig, ortsunabhängig und ganz nah an der Lebenswelt der Jugendlichen dran. Interessanterweise würde die Hälfte der Jugendlichen, die die Brillen ausprobiert hat, dennoch gerne persönlich in Betriebe und Einrichtungen gehen, um sich Berufe direkt vor Ort anzuschauen. Es geht halt doch nichts über Betriebs- und Berufserkundung mit allen Sinnen: Dinge auch anfassen, riechen, Atmosphäre erleben können. Wir hoffen, dass auch das bald wieder möglich sein wird.

Foto: Dorian, Arda und Metin sind begeistert von der Möglichkeit sich im virtuellen Raum zu bewegen und durch VR-Brillen Betriebsrundgänge zu machen.