Eckhard Seltmann, erblindet, früher selbst Realschullehrer für Bildende Kunst, und Schüler/innen der 10. Klassen stellen gemeinsam in der Theodor-Heuss-Realschule aus.

Wie nah, wie fern sind sich die beiden Welten?

Absolut erstaunlich sind die drei kleinformatigen, farbigen Zeichnungen von Eckhard Seltmann. Sie erinnern an Landschaften, haben impressionistische Anmutungen mit feinsten farblichen Abstufungen. Es ist kaum zu glauben, dass diese Zeichnungen keiner „Sehkontrolle“ unterworfen wurden.

Am Eröffnungsabend, begrüßt durch den stellvertretenden Schulleiter Dietmar Göppert, untermalt von erstaunlichen Harfenklängen, gespielt von Felix Lehmann 9b, erklärte Herr Seltmann auf Fragen der zahlreich anwesenden Schüler/innen und Eltern, wie er zu diesen präzisen Zeichnungen kommt.

Der 120 Farbstifte umfassende Stiftekoffer ist auf seinen vier Ebenen genauestens im Computer katalogisiert. Das Sprachprogramm beschreibt die Farben, sodass die Auswahl der Stifte genauestens geplant werden kann. Zugeschnittene Schablonen erleichtern die Orientierung im Blattformat und im Zeichnungsformat. Begriffe wie „Annäherung“, „Jahreszeiten“, …“ sind Ausgangspunkt für die Gestaltung.

Die Farberinnerungen und „Wirklichkeitsbilder“ werden immer wieder durch realistische, farbige Träume aufgefrischt. „Wann wissen Sie, dass das Bild fertig ist?“ Die gestalterische Idee ist durch die Begriffe vorhanden. Die Handschrift des Zeichners Seltmann ist ihm eigen und wurde durch seine Bilder, die er als Sehender machte und als Kopien am Abend herumgereicht wurden, glaubhaft belegt. Schließlich ist es die verwendete, planerische Sorgfalt, das Wissen um den Einsatz seiner Farben, das das Gefühl erzeugt, dass er nichts mehr Wesentliches ändern kann und will. Um authentisch, selbstbestimmt in seinen Bildern zu bleiben, sind es eben nicht die „sehenden“ Augen seiner Frau, die korrigierend eingreifen könnte.

Sensationell war das Nebeneinander von einer Zeichnung Herr Seltmanns und des Schülers „Neo“ Jiamtong. Die gleiche Farbskala, die ähnliche Idee des Lichtes und die Ausbreitung von Dunkelheit, nur eben ein anderer Zeichen- bzw. Malstil. Dinge abzubilden sind, im Gegensatz zu einigen Schüler/innen wie z. B die Anatomiezeichnungen von Alison Frei, für Eckhard Seltmann kein Ziel mehr, obwohl manches so wirkt.

Die Idee des Unterrichts und der Ausstellung war, begleitet vom BK-Lehrer Peter Hauck, die entstandenen Bilder so zu versprachlichen, dass der erblindete Zeichner sich ein Bild machen konnte. Haucks These, dass Sehen nicht Wahrnehmen bedeutet, sollte erprobt werden, und das vor Publikum. Dieser „Prüfungssituation“ haben die Schülerinnen Dominique Waldhecker und Lucy Daiker bravourös standgehalten. Durch Ergänzungen aus dem Publikum konnte Herr Seltmann „sich ein Bild machen“. Die große individuelle Bandbreite der Schülerarbeiten konnte aus Zeitgründen leider nicht gewürdigt werden. Es lohnt sich allerdings ein Durchgang durch diese individuelle Gestaltungsvielfalt von zeichnerischen, malerischen und dreidimensionalen Arbeiten.